“Schreiben ist ein bisschen wie Yoga”

Berliner_Anthologie_Cover_300dpi_originalBerliner Anthologie. Essays rund um das Schreiben. 

herausgegeben von Andreas Dalberg,
Hardcover 21,90 €, Paperback 12,90 €, E-Book 8,99 €.
Leseproben und weitere Infos unter Ross & Reiter Verlag.

Kreatives Schreiben hat nichts mit Bestsellern zu tun. Denn Kreatives Schreiben ist mehr als die Arbeit an einem Produkt: Es ist spüren, erleben und handeln, – und birgt nicht selten die Überraschung, was da im Tauchgang der eigenen Fantasie plötzlich aufs Papier kommt.

Von überraschenden und überwältigenden Schreib-Momenten erzählen 15 Autorinnen und Autoren, die in der „Berliner Anthologie“ über ihren Beruf oder ihre Leidenschaft des Kreativen Schreibens reflektieren, – so persönlich und unterschiedlich wie ihr Sujet selbst es ist.

Von Traktaken und Hebammen

Da findet sich das vor Schreiblust sprühende Traktat des Berliner Schreib-Dozenten Claus Mischon. Jeder Satz verdient ein Ausrufungszeichen. „Schreiben heißt: Es zu tun“, proklamiert er und: „Genie war gestern, heute heißt es Versuch und Irrtum“.

berliner anthologieDa findet sich die schreibende Meditation der „Texthebamme“ Kirsten Alers, für die der Schreibprozess „ein bisschen wie Yoga“ ist. Denn sie schreibt „ohne weil, ohne um zu, ohne Grund, ohne Ziel und Zwecke, ohne Sinn.“

Und da findet sich die philosophische Abhandlung von Herausgeber Andreas Dalberg, der das Publizieren längst nicht mehr als einziges Kriterium für ein Schriftsteller-Dasein hält.

Spontanes Schreiben, Tagebücher, Gedichte, Liebesbriefe oder Hasstiraden: Oft sind die Texte ohnehin nicht zur Veröffentlichung bestimmt.

Das gilt auch für Kreatives Schreiben im therpeutischen Kontext. In der Fiktion, argumentiert Franziska Kersten, sei Probehandeln möglich, Alternativen würden abgesteckt, überhaupt entdeckt. Zugleich könne Schreiben Sprachlosigkeit und soziale Isolation überwinden. Schreiben ist für sie deshalb eine wirksame kunsttherapeutische Intervention – kein Weg zum Verkaufsschlager.

Kreatives Schreiben ist Punk

Für Loop Moss ist Kreatives Schreiben Punk, – beim „Überwinden des inneren Zensors beim Ausspucken von Worten, die sich endlich trauen, das zu benennen, was du sonst verschluckst“. Punk als Seelengeber gegen das kapitalistische System, als Geist, der Gesetze verneint und Trends konterkariert – auch im Schreiben. Denn wer kreativ schreibt, wer auf Markt und Meinung pfeift, kann aus Regeln und Strukturen ausbrechen, das sollte jedem Kreativ-Schreiber „jederzeit rockig anklopfende, punkig pochende Verlockung sein“.

Was zählt also ist Selbstbestimmtheit, wie es Moss formuliert. Damit fasst er zusammen, was die Anthologie insgesamt vermittelt. Denn alle 15 Autoren und Texte berichten von der Lust an der Freiheit, im Kreativen Schreiben zu fabulieren, was keinem Marktgesetz folgt.

Eine neue Generation

Mit der „Berliner Anthologie“ tritt eine neue Generation an, die das Kreative Schreiben, das Lutz von Werder in den 1970er Jahren nach Deutschland importierte, weiterentwickelt und für sich und andere in den Alltag integriert hat – zur Persönlichkeitsbildung, zur Findung gesellschaftspolitischer Positionen, zur psychischen und sozialen Gesundung.

Die Autoren und Dozentinnen schaffen neue Kreativräume, erschreiben sich Tür und Tor zu einer neuen, eigenen und unverbrauchten Stimme – viel intensiver, als dies Studiengänge in Hildesheim oder Leipzig mit dem Blick auf den großen literarischen Wurf vermögen. Die Anthologie ist ein Plädoyer für freies Schreiben als ein zutiefst demokratischer Prozess. Ihn zu fördern kann zur Gesundung einer ganzen Gesellschaft beitragen.